100k Teamwork

(Heide blogt)

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Freitag, 7. Juni 10.00 Uhr. 600 Kilometer Autofahrt von Bonn nach Biel (CH) und unsere längste Nacht liegen vor uns. Nach 5 Stunden erreichen wir Biel und treffen uns mit unserem Freund Denis (De´De´) Giffeler. De´De´ verdanken wir es, dass wir den großen Ultralauf Klassiker, die 100 Kilometer von Biel in Angriff nehmen. Torsten und Denis hatten bei einem ihrer Trainingsläufe im Winter den Plan geschmiedet, dass De´De´ dieses Jahr sein 100 Kilometer Debüt in Biel feiern sollte. Torsten hatte bereits vor 5 Jahren die 100 Kilometer in 8.21 h geknackt, sein erster Ultras. Irgendwann hatte er es geschafft, mich zu überreden, mit ihm zusammen als Team die Nacht durchzumachen.

Direkt nach der Ankunft in Biel treffen wir mit De´De´ im Elfenau Park und chillen erst einmal in der Nachmittagssonne in diesem herrlich kleinen Park. 18.00 Uhr haben wir ganz in der Nähe des Parks in einem vegetarischen Restaurant einen Tisch reserviert, um uns für die lange Nacht zu stärken. De´De´ und Heide werden in der Nacht noch an das leckere Abendessen zurückdenken, denn Pasta mit Pesto ist einfach nicht die richtige Zusammenstellung für die körperliche Belastung, die ein K100 mit sich bringt. Doch der Reihe nach.

Gegen 21.00 Uhr, also eine Stunde vor dem Start verabschiede ich mich von De´De´ und Torsten und mache mich auf den Weg nach Kirchberg. Dort ist KM56, mein Einstieg ins Rennen.

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Auf der Fahrt sehe ich im Rückspiegel, wie der Himmel sich anfängt zu verfärben. Sofort bin ich im mit meinem Gedanken beim Sonnenaufgang, in den ich hineinlaufen werde. Das wird nach einer langen Nacht eines der Highlights dieses Laufes werden.

Um 22 Uhr in Kirchberg angekommen suche ich mir den besten Parkplatz. Hier ist noch nicht viel los. In aller Ruhe werden die Verpflegungsstationen und die Fanmeile aufgebaut.

In Biel gehen die Läufer gerade an den Start und bis hier die ersten Läufer auftauchen sind noch gut 4 Stunden Zeit. Ich checke, dass ich mich auch an der richtigen Stelle für den Wechsel befinde. Jetzt mache ich es mir auf meinem Schlafplatz in Auto gemütlich, um noch ein wenig zu ruhen. An wirklichen Schlaf ist trotz der Uhrzeit und Müdigkeit nicht zu denken. Zu groß ist die Aufregung, nicht rechtzeitig für den Wechsel parat zu sein.

Es ist 1.00 Uhr als ich mich entschließe, mich für das Rennen fertig zu machen. In etwa einer Stunde, Torsten hatte angekündigt, dass er für die ersten 56 Kilometer knapp unter 4 Stunden bleiben wollte, stand mein Start für die restlichen 44 Kilometer bevor. Am längste brauche ich für die Scheinwerfer, eine Petzl Nao, auf meinem Kopf. Ich brauche eine gefühlte Ewigkeit, bis alles sitzt. Dieses Teil ist meine Sicherheitsausrüstung. Wir haben Neumond und damit eine stockfinstere Nacht.

Es ist 1.30 Uhr, nicht mehr weit bis zum erwarteten Eintreffen von Torsten. Ich bin die einzige Läuferin, die sich auf ihren Start vorbereitet. Um die Zeit zu überbrücken, versuche ich mit den Helfern vor Ort ins Gespräch zu kommen. Wer mich kennt, weiß, dass es nicht lange dauert bis alle informiert sind, was die blonde Frau hier schon so früh will.

Kurz vor 2.00 Uhr Unruhe im Revier! Die ersten Läufer kommen. Nein, es ist nur ein einsamer Läufer. Es ist Torsten. Was für eine Freude! Was für ein Schreck! Er kommt locker in die Wechselzone eingeflogen. Er hatte sich zwischen 01:45 und 2:00 Uhr angekündigt und sich offensichtlich gedacht, dass man in der Schweiz pünktlich sein muss. Die 56 Kilometer und 330 Höhenmeter hatte er in 3.56 h absolviert. Krass. Während er den Chip an meinem Fuß befestigt, gibt er mir ein kurzes Update.

Wie die Schweizer so sind, exakt 22.00 Uhr fiel der Startschuss. Torsten und De´De´hatten sich in der ersten Startreihe positioniert.
Biel_Start
Torsten ahnte, dass er bei der von ihm angepeilten Zeit für seine 56 Kilometer wahrscheinlich allein laufen muss. Denn für die Topläufer der Gesamtstrecke wäre das entsprechende Tempo mörderisch gewesen. Er spekulierte darauf, dass vielleicht noch weitere Staffelläufer sein Tempo mitgehen würden. Da dem nicht so war, setzte er sich bereits in Biel an die Spitze des Feldes. Nach 3 Kilometern tauchte an seiner Seite die Radbegleitung eines Topläufers auf und versicherte sich bei ihm, dass er auch wirklich nicht nur bis Kirchberg laufen würde. Er konnte ihn beruhigen. Ab diesem Zeitpunkt war er allein in der Nacht. Lediglich das Führungsfahrzeug fuhr mit 200 Metern Abstand vor ihm her. In seinem Leichtsinn hatte Torsten meinen Hinweis ignoriert, auch eine Stirnlampe mitzunehmen. Er sollte dies bereuen. Die Nacht war stockfinster und die Rücklichter des Führungsfahrzeuges zeigten ihm zwar den Weg, mehr aber auch nicht. Er verriet mir, dass er sich mehrfach bei dem Gedanken ertappte: „hätte ich mal bloß auf Heide gehört“. Hoffentlich ist er beim nächsten Mal schlauer. Er hatte das Glück, dass in den Orten die er passierte, richtig Party im Gange war. Die Leute saßen draußen und warteten darauf, die Läufer anzufeuern, Der er das Feld mit großem Abstand anführte, konnte er den Jubel ganz allein genießen. Besonders berauschend soll es in Arberg gewesen sein. Dort passiert man erst eine herrliche Holzbrücke, wo die Leute eng Spalier stehen. Anschließend geht´s durch eine herrliche Altstadt, wo der Teufel los gewesen sein soll. Jubelnde Eidgenossen ohne Ende. Das gleiche Szenario an allen Verpflegungsstationen. Mit Sicherheit ein einmaliges Gefühl.

1.56 Uhr schickt er mich mit einem Kuss auf die Strecke. Mir ist richtig mulmig. Ich habe ja schon viel erlebt, doch das Feld bei einem Rennen anzuführen, das sprengte meine Vorstellungskraft. Ich hoffte, dass Torstens Vorsprung nicht zu groß sei und die Spitze mich schnell einholen würde. Doch es dauerte eine gefühlte Ewigkeit.

Ich, die sonst immer in der Masse läuft und im Ziel vielen neue Bekanntschaften schließe, muss jetzt völlig allen durch die Nacht laufen. Nur bewaffnet mit meiner Stirnlampe und der Erfahrung aus einem 10 Kilometer Trainingslauf bei Nacht. Bange machen gilt nicht, also einfach los durch die Nacht. Direkt nach 500 Metern kommt der berüchtigte Ho Chi Min Pfad. Am Abzweig stehen zwei Helfer, die mir kurz den Weg weisen und dann bin ich auch auf dem dunklen Singletrail. „Augen zu und durch“, denke ich mir. Verwerfe diesen Gedanken jedoch ganz schnell, denn der Trail ist wirklich schmal und es ist stockfinster. Um diesen Streckenabschnitt ranken sich unzählige Legenden und geheimnisvolle Schreckensberichte. (Torsten wurde von den Helfern Am Wechselpunkt in Kirchberg gefragt, ob er wüsste, welch gefährlicher Weg vor mir liege und ob er sich denn keine Sorgen machen würde.) Ich erinnere mich jetzt an die Wort von meiner Freundin Claudia. Sie hatte mir aus ihrer Nachtlauferfahrung den Tipp mit auf dem Weg gegeben, bloß nicht nach links und rechts in den Wald schauen. Einfach immer nur geradeaus. Dann würde ich die Augen der Tiere nicht sehen, die mich aus dem finsteren Wald ansehen. So mache ich es und laufe deutlich schneller, als ich wollte. Plötzlich raschelt es neben mir. Ich schrecke auf und laufe noch schneller. Zum Glück habe ich keine gefährlichen Begegnungen und sehe außer Mücken und ein paar Fledermäuse keine anderen Tiere. Allerdings stelle mir die Frage, welche Tiere wohl die vielen großen Haufen auf dem Weg hinterlassen haben.

Nach circa 4 Kilometern bemerke ich endlich Lichter, die sich mir von hinten nähern. Die ersten Läufer überholen mich. Die Freude ist groß. Ich denke, endlich nicht mehr allein. Die Freude währte leider nur kurz. Die Herren haben keine Zeit, eine einsame Läuferin sicher durch den Wald zu geleiten. So schnell, wie sie gekommen sind, genauso schnell waren sie wieder weg. Wieder allein. So bleibt es auch.

Ich habe während des ganzen Laufes ein wenig mit dem Abendessen vom Vorabend in Biel zu kämpfen, so dass ich mehrmals ins Gebüsch verschwinden muss. Da ich aber extrem gut aufpassen muss, um keine Abzweigung zu verpassen, habe ich keine Zeit großartig darüber nachzudenken. Meinen Rhythmus finde ich jeweils überraschend schnell wieder und laufe so die ganze Nacht allein über Forst- und Landstraßen.

Irgendwann merke ich, dass sich etwas verändert. Der Tag bricht an, es fängt an zu dämmern. Ich beschließe, an einer der nächsten Verpflegungspunkte, meine Stirnlampe abzusetzen. Gesagt – getan. Ich packe mir jetzt Musik auf die Ohren und laufe mit neuer Energie weiter. Zum Glück erinnere ich mich an die Worte von meinem Freund Udo Schneider, wie schön es sei, das Vogelgezwitscher zu hören, wenn der Morgen erwacht. Sofort schalte ich die Musik aus. Es stimmt. Welche herrliche Stimmung.

Bieler Lauftage 2013, Büren

Ich laufe und erfreue mich an den plätschernden Wasser, das leichte Schaukeln der Boote und den immer heller werdenden Tag. Im Nachhinein betrachtete das schönste am ganzen Lauf. Wenn ich um 22 Uhr für 100 km gestartet wäre, hätte ich das nicht erleben können, denn dann wäre ich jetzt wahrscheinlich erst in Kirchberg oder auf dem Ho Chi Min Pfad. Also, alles richtig gemacht. So laufe ich weiter und freue mich über das Schild, welches Kilometer 90 ankündigt. Die Schilder werden hier nur im 10er Rhythmus angezeigt, was ich als sehr angenehm empfinde. Bei Kilometer 95 greife ich zu meiner Powerreserve – einen Red Bull Schott – und starte nochmal durch. Der Gedanke, gleich Torsten zu treffen und mit ihm gemeinsam die letzten Meter ins Ziel zu laufen, treibt mich vorwärts. Freudentränen kullern mir übers Gesicht. Runners high.

Zwischenzeitlich hatte ich dann doch wieder die Musik angeschaltet, um mich von der Erschöpfung abzulenken. Jetzt kommt eines meiner Lieblingslieder (die Startmusik des Transalpine Run) und ich drehe richtig auf.
Ungefähr 2,5 Kilometer vorm Ziel sehe ich Torsten. Nur einen kurzen Augenblick denke ich, eine Halluzination. Doch er ist es wirklich. Zwischenzeitlich war er mit dem Auto zurück nach Biel gefahren und kam mir ganz locker entgegen gelaufen. So hatte ich mir das gewünscht. Er freut sich zu sehen und macht mir ein Kompliment, wie frisch und locker ich aussehen würde. „Schleimer“, denke ich. Die ganz Nacht kein Auge zugetan und ich soll frisch aussehen. Wie dem auch sei, es tat gut ihn zu sehen und seine Stimme zu hören. Es ist nicht mehr weit zu unserem Ziel, der letzte Kilometer kommt mir vor wie eine Ewigkeit. Wir laufen Hand in Hand zuerst durchs Festzelt und schließlich über die Zeitmatte. Ich sehe die Zeit und freue mich, dass wir die 100 Kilometer gemeinsam tatsächlich unter 8 Stunden geschafft haben. Genauso hatten wir es uns ausgemalt. Der Sprecher kündigte uns an: „Hier kommt das Team [Run like an animal – powerd by PEARL iZUMi], die Gesamtsieger in der Mixed Teamwertung.“ Unser erster Lauf als Team und ein phantastischer Erfolg für uns. Ich freue mich total mit Torsten zusammen auf dem Treppchen zu stehe und das auf der Position 1.

Teamsieg in Biel 2013

Jetzt warteten wir voller Spannung auf De’De‘. Als wir noch darüber sprachen, wie es ihm wohl geht, tauchte er auch schon auf. Nach etwas über 10 Stunden durfte auch er sich zu den Finishern des K100 von Biel zählen. Voller Stolz nahm auch er die Medaille in Empfang, wie sein Vater viele Jahre zuvor. Ein Glanzstück familiären Sportsgeists.

20130610-074213.jpg
(Heide out)


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